"Dicke Berta" ? Alte Soldaten wissen, dass damit das im ersten Weltkrieg auf deutscher Seite eingesetzte schwere Geschütz gemeint ist. Hier soll allerdings von der friedlichen dicken Berta die Rede sein, die 468 Pfund auf die Waage brachte und seinerzeit die Attraktion auf Schweizer Jahrmärkten war.

Paula alias Berta Sonderegger wurde am 24. Oktober 1910 im appenzellischen Oberegg geboren, wo sie mit sechs Schwestern aufwuchs. Ihr Vater Paul betätigte sich als selbständiger Glaser und Schreiner, während sich Mutter Karolina um den Haushalt und die Erziehung der Töchter kümmerte. Ein Drüsenleiden führte in der Pupertät zu einer übermässigen Gewichtszunahme.

Verständlich, dass Paula an Ihrer Unförmigkeit litt, doch kein Arzt vermochte dem unglücklichen Mädchen zu helfen. Im Dorf hatte man sich längst an sie gewöhnt, und nach dem Schulbesuch war die junge Tochter da und dort als fleissige Haushaltshilfe tätig. Gottlob war ihr trotz allem ein fröhliches Naturell beschieden und zum guten Glück verstand sie sich auch zu wehren.

Staunenden Passanten beschied sie jeweils kurz und bündig "Häsch mi etz lang gnueg aagaffet ? Wotsch wohrschindli no e Foti vo mier, du Lappi", womit sie die Lacher auf ihrer Seite hatte. Un wohl niemand und am wenigsten Paula selbst hätte damals an jene Fotokarten gedacht, die sie später massenhaft unter die Leute bringen sollte. 1935 verheiratete sie sich mit dem zehn Jahre älteren, im Baugewerbe arbeitenden Emil Gosteli und wohnte nun in Zürich.

Abwechslung und Vergnügen hatten damals für einfache Leute Seltenheitswert, und Jahrmärkte waren deshalb äusserst beliebte Treffpunkte. Hier wurden denn auch Kuriositäten wie kleinwüchsige, riesenhafte oder sonst irgendwie auffällige Menschen zur Schau gestellt, und kaum jemand fand etwas dabei.

Als schwerste Frau gehörte seinerzeit Miss Mizzi aus Oesterreich fast zu jedem Jahrmarkt, bis 1946 ein Marktfahrer auf die weit gewichtigere Paula aufmerksam wurde. sie hatte sich mittlerweile mit ihrer Figur abgefunden und überwand auch bald ihre Hemmungen. "Ich ziehe auf der Strasse und in Läden ohnehin alle Blicke auf mich. Warum soll ich damit nicht ein paar Franken verdienen"? mag sie sich gesagt haben.

Unter dem Künstlernamen "Dicke Berta" begann damit ihre Marktkarriere, und landauf, landab strömten Besucher in jenen Wagen, in dem gegen Eintrittsgeld die schwerste Frau der Schweiz besichtigt werden konnte. Wie hat sie sich dabei gefühlt ? "Gar nicht schlecht", erinnerte sich ihre Schwester Marlies. "Sie freute sich über die vielen Kontakte, und die Besucher rissen sich bei solchen Gelegenheiten um die Karten, die meine Schwester im Trachtenkostüm zeigten".

Es war in Winterthur, wo zwei bereits etwas angeheiterte Metzgergesellen auf den Wagen mit der dicken Berta stiessen. "Was, die schwerste Frau soll sich da drin befinden ? Zum Lachen. Wetten, dass wir die paar Kilos spielend aus der Bude tragen" ?. Der im Auftrag von Schausteller Ernst Buser die Kasse hütende Ernst Gosteli reagierte postwendend auf die Prahlerei. "Ich nehme euch beim Wort". Zwanzig Franken bar auf die Hand, wenns gelingt. Wenn nicht seit ihr an der Reihe.

"Einverstanden", johlten die beiden und tauchten Momente Später bei der auf einem eigens angefertigten Spezialhocker sitzenden Berta auf. Grinsend verfolgte der Kassier die Bemühungen der Burschen, die sich auf alle Arten vergeblich abmühten, die Frau hochzuheben. Schwitzend, schimpfend und ausser Atem brachen sie schliesslich die Uebung ab, zückten ihre Geldbeutel, warfen Ernst Gosteli vier Fünfernötli vor die Füsse und verliessen unter dem schadenfrohen Gelächter der Zuschauer kleinlaut den Wagen.

So gingen die Jahre ins Land, und längst war die Schaustellerei für Berta alltäglich geworden. Plötzlich aber traten gesundheitliche Störungen auf, und die zu weiteren Beschwerden führende Zuckerkrankheit zwang sie zur Aufgabe des bis in die zweite Hälfte der fünfziger Jahre ausgeübten Berufs.

Noch 125 Kilogramm schwer, verschied Paula Gosteli - Sonderegger am 17. September 1972 und wurde auf dem Zürcher Friedhof Sihlfeld zur letzten Ruhe gebettet. Als dicke Berta aber und als Frau, die das beste aus dem ihr auferlegten Schicksal gemacht hat, ist sie bis auf den heutigen Tag unvergessen geblieben !